Fehlerjäger

 

 

Ihr Lieben,

 

sicherlich sind sie euch auch schon begegnet: die Fehlerjäger. Das sind Menschen, die ausschließlich dann kommentieren oder schreiben, wenn sie einen Fehler entdeckt haben. Im weiteren Socialmedialeben halten sie sich bedeckt. Nur dann, wenn sie einen Fehler entdeckt haben, äußern sie sich, oftmals in einem ironischen Ton. Während des Nachdenkens über den Artikel begegnete ich einem solchen Kommentar.

In einer der Challenges hatte ich spülen mit h geschrieben, nicht richtig aber ist passiert. Und nun kommentierte eine Dame, mit der ich noch nie zuvor Kontakt hatte, die noch nie durch Kommenare oder Likes aufgefallen war, dass ich wohl hoffentlich im Lettering spülen ohne h schreibe.

Ich verbleibe dann meistens sehr verdutzt. Die Frage warum sich Menschen in dieser Art und Weise verhalten, zwängt sich meinem Gehirn auf. Ich wundere mich aus verschiedenen Gründen darüber. Einmal frage ich mich, warum ist es den Menschen wichtig, das mitzuteilen. Gerade bei geletterten Sachen ist die Wahrscheinlichkeit recht gering, dass es nochmal gelettert wird, zumal die meistens Letterings im Müll landen und sich durch den Kommentar keine Änderung ergibt. Welchen Gewinn hat diejenige, wenn sie öffentlich auf einen Fehler aufmerksam macht, Warum können die Menschen nicht daüber hinwegsehen oder einen diskreteren Weg finden den Fehler anzumerken. Zuweilen ist es sogar so, dass Fehlerjäger auch dann noch einmal auf den Fehler aufmerksam machen müssen, wenn man den Fehler in der Unterschrift eingeräumt hat.

 

Der subjektive Fehlersuchgewinn

Die Frage nach dem nach dem subjektiv empfundenen Gewinn stellt sich mir zuerst. Ist es ein Gefühl von Erhabenheit einen anderen auf Fehler hinzuweisen? Oftmals habe ich den Eindruck, dass es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen ist sich auf das (scheinbar) Negative zu stürzen, ungefragt die subjektive Wahrnehmung wertend zum Besten zu geben und nicht zu verstehen, dass es nicht nur diese eine Sichtweise gibt. Schön, mögt ihr sagen, aber die Rechtschreibung ist kein Vorgarten. Im Falle der Rechtschreibung gibt es keine anderen Sichtweisen, da wird spülen nun einmal ohne h geschrieben, auch wenn ich mich auf den Kopf stelle. Und da hättet ihr Recht.

 

Ausbaufähige Kommunikationskompetenzen?

Liegt es also daran, dass Kritik heutzutage so formuliert wird, dass sie schlecht annehmbar ist? Dass man sich darauf beschränkt einfach alles vor den Latz zu knallen? Nicht umsonst gibt es eine riesige Branche, in denen Menschen lernen Kritik so zu formulieren, dass sie für das Gegenüber annehmbar ist.Wenn bereits durch den Einstiegssatz Widerstand aufgebaut wird, ist davon auszugehen, dass konstruktive Aspekte des Gesagten, gar nicht mehr gehört werden. Das Selbst ist bereits im Steinzeitmodus und reagiert nur noch mit Angriff oder Flucht (die Flucht kann auch darin bestehen, dass man sich einfach tot stellt – zumindest gedanklich). Bei oben genanntem Zitat wurde dieser Impuls direkt bei mir ausgelöst. Ich empfand die Kritik – möge sie noch so richtig sein- nicht als konstruktiv, sondern als Angriff und dementsprechend war mein erster Impuls auch in den Angriff zu gehen. Zu guter Letzt habe ich gar nicht reagiert, hauptsächlich, weil ich ein friedliebender Mensch bin und oft das Glück habe, dass ich mein Gehirn rechtzeitig einschaltet.

 

Kommunikation 2.0

Die Kommunikationformen, die die neuen Medien bieten, machen ebendiese noch schwieriger als sie ohnehin- also im echten, analaogen Leben- schon ist. Das liegt zum größten Teil daran, dass wichtige Informationen, die uns Aufschluss über Intentionen eines Satzes geben können, einfach fehlen. Das Lächeln, ein Funkeln in den Augen, der Tonfall, eine Geste ein kleiner Blick  – all das fehlt und es bleiben nur Buchstaben. Diese werden vom Leser im Kopf mit Intention gefüllt. So kann aus einem wohlwollend gemeinten „Hey, da fehlt ein h.“ ein Anklagendes werden.

 

Eigene Anteile

Das ist meiner Ansicht nach ein wichtiger Punkt bei der Frage nach Fehlerjägern. Was „höre“ ich, wenn ich so etwas lese. Ich musste in der letzten Zeit auch darüber nachdenken, warum es mir was ausmacht. Das bedeutet also, dass ich auch eine Anteile mit in die Frage nach den Fehlerjägern einbringen muss. Dabei kamen mir verschiedene Kommunikationsmodelle in den Sinn, die ich auch zum Teil mit meinen Schülern durchgenommen habe, wie die Formulierung konstruktiver Kritik. Hinsichtlich der eigenen Anteile musste ich an das Vier-Ohren-Modell nach Friedemann Schulz von Thun denken. Dieses Modell ist herausragend und lässt sich sicherlich auch auf die Kommunikation in Socialmedia Plattformen übertragen.

 

Das Vier-Ohren-Modell

Dieses Modell geht davon aus, dass Kommunikation über vier Aspekte verfügt:

  • Die Sachebene: Es geht nur um die Sache an sich. Der Inhalt ist reduziert auf Fakten.
  • Die Ebene der Selbstoffenbarung: Der Redner verrät etwas über sich.
  • Die Beziehungsebene: Die Beziehung von Redner und Hörer wird näher beschrieben. emotionale Aspekte werden mit berücksichtigt. Virtuell versucht man das über Emoticons auszugleichen.
  • Die Appellebene: Der Empfänger hört, was der Sender wollen könnte.

Wenn man das nun auf die Fehlerjäger überträgt, stellt sich das wie folgt dar:

Der Satz „Du wirst doch hoffentlich im Lettering spülen ohne h schreiben.“ lässt sich auf folgenden vier Ohren analysieren:

Auf der Sachebene höre ich, dass der Leserin bewusst war, dass es sich um eine Challenge handelt, bei der die Themen hinterher gelettert werden. Sie wünscht sich, dass ich spülen ohne h schreibe.

Auf der Ebene der Selbstoffenbarung höre ich, dass die Leserin enttäuscht davon ist, dass in einer Vorlage ein Fehler steckt. Sie erwartet, dass Material, das veröffentlicht wird, erst nach mehrfacher Kontrolle und in jedem Fall perfekt zu veröffentlichen ist.

Auf der Beziehungsebene höre ich Kritik und nehme sie als Angriff wahr. Wir haben keine Vertrauensebene. Die Verfasserin hat einen öffentlichen Ort gewählt um mir einen Fehler anzukreiden. Sie hält mich für unfähig.

Auf der Appellebene höre ich, dass es ich den Fehler zu verbessern habe.

Wer sich ein bisschen tiefer damit auseinandersetzen möchte, kann hier nachlesen.

 

Und jetzt?

Welche Konsequenzen sollten wir daraus ziehen? Ich glaube, dass es gerade im Bereich Socialmedia wichtig ist genau auf die eigene Sprache zu achten. Die Reduzierung auf wenige Informationsgewinnungskanäle führt dazu, dass viel gehört wird, was vielleicht gar niht gesagt oder gemeint wurde. Manchmal hilft ein freundliches Nachfragen, um Missverständnisse aufzuklären. So werden unnötige Irritationen vermieden. Es kann aber auch sein, dass man sich überlegt welchen Weg man selbst wählt, um einen Fehler mitzuteilen. Manchmal ist vielleicht unnötig auf einen Rechtschreibfehler hinzuweisen, denn das Lettering ist veröffentlicht und eigentlich ist es ohnehin zu spät. Wenn man den Eindruck hat, dass es für den Letterer von besonderer Bedeutung sein könnte, dass auf den Fehler aufmerksam gemacht wird, dann sollte man sich bewusst sein, was hinter der Sachbotschaft „Lass doch das h beim Lettering weg“ noch gehört werden kann.

 

9 Gedanken zu „Fehlerjäger

  1. Judith…großartiger Beitrag und du sprichst mir aus dem Herzen…danke für deine sachliche Zusammenfassung, die viele sich mal durchlesen sollten, bevor sie jemanden (evtl. etwas ungeschickt und damit verletzend) auf einen nicht zu korrigierenden Fehler hinweisen! ❤️

    Herzlichst Tanja aka @poejpoej

  2. Hach Ju,
    Schön wie du dieses Kopfkreisthema angehst. Denn ich hadere schon so lange mit diesem Thema, dem Problem geschriebener Worte ohne das Gegenüber, das Lesen und Fühlen zwischen den Zeilen. Und damit wie viele eben nicht darüber nachdenken.

    <3

    Leo @goldenerstrich

  3. Hallo liebe Ju!

    Auch wenn ich eher ruhiger, stiller Leser bin und dich vorallem von Instagram kenne und deine Letterings bewundere, muss ich mich jetzt mal zu Wort melden.

    Ein toller Artikel, den du hier verfasst hast. Das kann man so auch 1 zu 1 auf die Facebook Gruppen übertragen. Sobald man einen Fehlermacht, oder ihnen etwas nicht passt (auch wenn du persönlich es bist), dann sind sie da, die Crashcops (ich komme beruflich aus der Luftfahrt). Jedes einzelne Wort wird dann analysiert und verrissen (Deutsch-LK). Oft passiert so etwas aus Sensationsgeilheit oder auch persönlicher Unzufriedenheit. Letztendlich verstehen wir nicht, warum Menschen sich an den Fehlern anderer aufgeilen, es bleibt uns nur „Arschloch“ denken und weitermachen.

    Viele liebe Grüße

    Petra (aka. @pedlgonzales)

  4. Hallo Ju,

    ich finde deinen Artikel großartig.

    Ich selbst ertappe mich auch oft dabei, dass ich Fehler in Texten finde (auch wenn ich nicht bewusst danach suche), das ist für mich aber keine Sache, die ich öffentlich Posten würde, denn damit diskreditiere ich ja nur und gebe dem anderen nicht mehr die Möglichkeit zum Ausbessern. Außerdem geht es mir persönlich so, dass ich auf meine Sache so lange drauf schaue, dass mir ein Fehler gar nicht mehr auffällt, so ähnlich wie: „man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.“

    Seh’ es positiv, mache haben sich mit Wort- oder Satzfehlern sehr bekannt gemacht, ganz nach dem Motto: „da werden sie geholfen“.

    Liebe Grüße Sonja

  5. Toller Beitrag. Bin auch immer wieder von solchen Kommentaren genervt, auch wenn ich sie bei anderen lese. Mir fallen Fehler auch recht schnell auf, aber ich habe nie das Bedürfnis, das der Person unter die Nase zu reiben. Ich finde gerade in unserer Nische gehts nun wirklich nicht um korrekte Schreibung. Es geht um unsere Kreativität und was wir aus gegebenen Texten machen. Es geht darum, wie wir die Buchstaben gestalten. Am Ende ist es dann doch wirklich egal, ob nun einer mehr oder weniger auf dem Blatt steht.

  6. Gut gebrüllt Löwe, oder besser sehr gut formuliert Ju. Gehirn einschalten- ist wichtig, wird aber leider nicht von allen beherrscht. Da bekommt man hier tolle Tipps, Ideen und Vorlagen und das alles kostenlos! Und dann wird sich über ein zusätzliches ‚h‘ mokiert. Es gilt doch immer noch, dass der Ton die Musik macht. Aber das haben hier ja alle auch so gesehen. Fehler sind menschlich. Wir sind Menschen und dürfen Fehler machen. Schließlich lernen wir daraus. Ich finde Fehler in Texten anderer auch ohne danach zu suchen sehr schnell. Meine eigenen kann ich schon mal überlesen. Da bin ich mit meinen Gedanken bereits beim nächsten Satz. Was aber dieses Bonus-h angeht, zeigt es doch nur, wie sehr du in das Lettering selbst vertieft warst und einfach nur Spaß, Freude und Entspannung beim Lettern hattest. Ist das nicht der Sinn des Ganzen?
    Liebe Grüße Onris

  7. Prima ! Setzen ! 1 ! ….sag ich mal als Kollegin . Ich glaube es ist eine (vor allem ) deutsche Angewohnheit, an erster Stelle akribisch Kritkpunkte zu suchen und herauszustellen, statt entspannt die positiven Aspekte wahrzunehmen. Ich habe zunehmend das Gefühl, dass sich viele Menschen selbst nur über Kritisieren, Meckern und Abwerten des Gegenübers spüren und wahrnehmen können. Eine sehr unschöne Entwicklung !
    Grüße vom Bodensee
    Anne

  8. Eine Freundin schickte mir – mit anderem Hintergrund – heute eine schöne Postkarte. Darauf ein Mann , der nach oben schaut und ruft: „Mein Gott, was soll ich nur machen?“ Darauf von oben: „Lachen!“ Das hilft oft 🙂

    1. Hi,
      ich finde deinen kreativen Umgang mit dem Thema (Lettering „Fehlerjäger“) sehr passend. Und Danke, Anke, für den coolen Spruch!
      LG
      Christine

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