Wie eine Brille meine Kunst veränderte

Ich trage seit meinem zwölften Lebensjahr eine Brille, zumindest hätte ich seitdem eine tragen sollen. Ein paar Jahre später führte kein Weg daran vorbei, weil ich so schlecht Dinge in der Ferne sehen konnte. Jetzt bin ich 41 Jahre alt und hatte das Vergnügen noch einmal eine ganz besondere Erfahrung mit dem Sehen machen können.

Seit das Handlettering und in letzter Zeit vermehrt das Aquarellieren ein fester Bestandteil in meinem Leben geworden sind, ist mir aufgefallen, dass ich nicht mehr genau den Punkt auf dem Papier treffen konnte, den ich treffen wollte. Während andere beim Zeichnen kleine Feinheiten sehen und umsetzen konnten, wollte mir das einfach nicht (mehr) gelingen. Nahe Verwandte versuchten gute Stimmung zu machen und haben beschlossen, dass dieser „unordentliche“ Stil wohl einfach mein Stil sei. Allerdings stellte mich das nicht zufrieden. Ich wusste nämlich, dass es nicht einfach eine Frage des Stils war, sondern vornehmlich eine Frage des Sehen. Auf dem Weg von der Ferne in die Nähe verwischte alles und konnte nicht mehr aufgedröselt werden. Eine frustrierende Angelegenheit. Wäre ich ein paar Jahrhunderte früher mit diesem Sehfehler geboren worden, hätte ich womöglich einen neuen Kunststil erfinden können.

 

Sehfehler und Augenkrankheiten in der Geschichte der Kunst

 

Charles Meryon und die Rot-Grün-Schwäche

Unter unterschiedlichen Sehfehlern litten (und leiden) in der Geschichte manche Künstler. Besonders unter Männern tritt häufig die Rot-Grün-Blindheit auf, was bei den Zeitgenossen zuweilen zu großer Irritation führte. Wie diese Menschen die Welt sehen, zeigt ganz anschaulich ein Beitrag von Geo. Der französische Künstler Charles Meryon malte (deswegen?) nur monochrom.

 

Claude Monet und der Graue Star

Viel bekannter ist wahrscheinlich Claude Monet, dessen Veränderung des Sehens durch seine Kunst gut dokumentiert ist. Immer wieder malte er den Sehrosenteich. Diese Tatsache machte es einfacher den Prozess seiner immer trüber werdenden Linsen zu dokumentieren. Diese Erkrankung führte auch zu einer Veränderung der Wahrnehmung der Farben, so dass Monet sich angewöhnte gleiche Farben immer auf die gleiche Position auf der Palette aufzutragen.  Erst nach einigen Operationen und unterschiedlichen Brillen konnte Monet im hohen Alter wieder zufriedenstellend sehen. Nach Jahren der Unzufriedenheit mit seinen Bildern, vollendete er einige bedeutende Werke und verstarb wenig später. Wer sich intensiver mit der Veränderung der Seerosenserie auseinander setzen möchte, kann dies hier tun.

 

Edgar Degas und die degenerative Netzhaut

Unter einer degenerativen Netzhautveränderung, die zunächst zu Lichtempfindlichkeit und dann zu einem blinden Fleck führte, litt Edgar Degas. Für ihn wurde die Malerei zur Qual, denn er konnte nicht mehr sehen, was er gerade malte, sondern nur den Bereich drumherum. Seine Krankheit beeinflusste gleichermaßen seine Farbauswahl: Das schlechte sichtbare Blau tritt in den Bildern zurück, während der Anteil von Rottönen immer weiter ausgebaut wurde.

 

Edvard Munch und der Netzhautriss

Ganz besonders interessant ist Edvard Munchs Umgang mit der Diagnose seines Netzhautsrisses: Er begann, so wird es auf der Seite der Schirn beschrieben, mit „inneren Selbstportraits“ und malte das was er sah. Hierzu deckte er sein gesundes Auge ab, damit er das, was das kranke Auge sah, noch fokussierter wahrnehmen konnte.

 

Leonardo Da Vinci und die Augenfehlstellung

Aber auch der gegenteilige Effekt kann auftreten. Leonardo da Vinci wird nachgesagt, dass seine Fehlstellung der Augen  dazu führte, dass er Perpektive detailreicher wahrnehmen konnte als Normalsehende.

 

Gedanken zum Thema

Ich für meinen Teil bin hoch erfreut, dass sich meine Schwierigkeiten mit dem Erwerb einer Brille in passender Sehstärke verbessert haben. Es ist schön zu sehen, dass es nicht an der Hand, sondern am Auge lag. Gleichzeitig hat mich die Recherche über das Thema aber auch ein wenig nachdenklich gestimmt. Gerade für Menschen, deren Leben die Kunst ist, muss ein Verlust der Sehkraft ein unendliches Leid sein. Schon für mich als Laie mit großer lustabhängiger Leidenschaft hat eine Veränderung der Sehkraft eine enorme Einschränkung bedeutet. Und so freue ich mich über die gewonnene Lebensqualität und hoffe, dass uns allen unser Augenlicht noch lange erhalten bleibt.

 

 

 

Für Weiterleser

Volkmar Mühleis: Kunst im Sehverlust

 

2 Gedanken zu „Wie eine Brille meine Kunst veränderte

  1. Das wusste ich noch gar nicht!
    Danke für die neuen Erkenntnisse!
    Du zeichnest nicht nur großartig, sondern kannst dich auch wunderbar ausdrücken!
    Danke Judith!

  2. Ab und an überfällt mich auch die Angst, was ist, wenn du nicht mehr sehen kannst. Seit meinem 15. Lebensjahr trage ich eine Brille, jetzt bin ich 65. Mit 5 Jahren fing ich an zu lesen, oft unter der Bettdecke mit Taschenlampe am Abend, ich sollte schließlich schlafen, doch die Welt in meinen Büchern war ja so viel spannender. Dann fing ich an zu malen und zeichnen, bis heute. Manchmal kneifen ich ein Auge zu und fokussiere mit dem anderen, den zu lesenden Text oder das zu malende Objekt, es klappt. Ich schließe beide Augen, entspanne und mache weiter. Es wäre ein ganz anderes Leben, wäre es noch meins, ohne Bücher, ohne Malen? Vielleicht es gibt ja da noch die Musik, und, Skulpturen, sie kann man ertasten, mit den Händen formen, na ja noch ist es ja nicht so weit, nur die Angst davor lässt mich solche Gedanken spinnen.
    Danke für deinen Beitrag

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